Auf der heutigen Nachttanzdemo in Gießen haben wir einen Redbeitrag gehalten, den ihr hier als PDF nachlesen könnt. Oder klickt auf mehr…
Redebeitrag des Arbeitskreis gegen Kinderarmut in Gießen
zur Nachttanzdemo in Gießen am 4.7.09
Liebe Leute,
auf diesem Planeten sterben jeden Tag etwa 30.000 Kinder an den Folgen von Unterernährung, und das, obwohl eigentlich ausreichend Nahrung für Alle da wäre. Jean Ziegler, der ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, formulierte es so: „Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.“ An diese traurige Tatsache haben sich die Menschen in Deutschland schon längst gewöhnt. Viele Menschen meinen, dass man daran sowieso nichts ändern könne, und dass man ja froh sein könne, dass bei uns in Deutschland kein Kind hungern müsste.
Das jedoch stimmt nicht. Im Kreis Gießen sind 7000 Kinder von Armut betroffen oder bedroht. In Deutschland ist mindestens jedes 6.Kind arm.
Seit Einführung von Hartz 4 hat sich die Kinderarmut in Deutschland verdoppelt.
Mit den Hartz 4 Reformen von 2005 wurden die Regelsätze von Schulkindern bis 14 Jahre um 20% gekürzt, von der Öffentlichtkeit weitestgehend unbemerkt. Damit wurde der Bedarf eines jugendlichen 14-jährigen Kindes mit dem eines Säuglings gleichgesetzt! Am 1.Juli 2009, vor wenigen Tagen, wurde dieser skandalöse Zustand nach 4,5 Jahren endlich beendet. Nur ein großer gesellschaftlicher Druck, unter Beteiligung von vielen ehrenamtlich arbeitenden Gruppen und Personen, konnte die Politiker dazu bewegen, den Schwächsten unserer Gesellschaft ein paar Cent mehr pro Tag zuzugestehen.
Bei den 14-17-jährigen bleibt die Kürzung von 90 auf 80% des Hartz4-Regelsatzes aber weiterhin bestehen. Diese Jugendlichen haben aber erwiesenermaßen einen höheren Bedarf an ausgewogener Ernährung als normale Erwachsene, weil sie noch im Wachstum sind!
4,5 Jahre haben die Politiker in den Parlamenten gebraucht, um anzuerkennen, dass ein 14jähriger mehr zu essen braucht, als ein Säugling. Den Banken dagegen wurden innerhalb von wenigen Wochen mehrere hundert Milliarden Euro geschenkt. Deutlicher kann die Prioritäten-Setzung der deutschen Politik nicht demonstriert werden. Und woher haben sie das Geld genommen? Das sind unsere Steuergelder, die wir jeden Tag zahlen!
Um die Armut in diesem Land effektiv zu bekämpfen, fordern wir als erste Schritte einen Mindestlohn von 10 Euro und einen Hartz4-Regelsatz von 500 Euro!
Diese Veranstaltung heute steht unter dem Motto „Wir zahlen nicht für Eure Krise!“. Das ist vielleicht eine schöne Illusion, aber tatsächlich bezahlen Erwerbslose, Arme, Rentner und Ausgebeutete diese Krise bereits jeden Tag, und nicht erst seit gestern. Die Krise wird auf den Rücken derjenigen ausgetragen, die sich nicht oder nur sehr schlecht wehren können: Arme, Alte und besonders allein erziehende Mütter und die Jüngsten unter uns, die Kinder. Und weiterhin werden mit unseren Steuern die Verluste der großen Banken und Konzerne gegenfinanziert werden, obwohl es so vielen unter uns am Grundsätzlichsten fehlt.
Wir können nicht weiter tatenlos zuschauen, bei dem, was mitten unter uns geschieht! Arme Kinder können sich keine gesunde Ernährung leisten und müssen hungrig zur Schule. Wie soll sich ein Kind auf den Unterricht konzentrieren, wenn es sich um seine nächste warme Mahlzeit sorgen muss? Das Geld fehlt außerdem für Schulmaterialien, Ausflüge, Klassenfotos und vieles weitere mehr. Und sie werden sozial isoliert, da sie nicht über das Geld verfügen, um mal mit ihren Freunden ins Kino, ins Freibad oder Eis essen zu gehen. Statistisch gesehen haben diese Kinder aus einkommensschwachen Familien, ungeachtet ihrer Fähigkeiten und ihrer Intelligenz, nur eine sehr geringe Chance aufs Gymnasium zu kommen und Abitur zu machen. In keinem vergleichbaren Industriestaat wird in der Schule so stark nach sozialer Herkunft selektiert, wie in Deutschland.
Diese Kinder brauchen unsere Hilfe jetzt und nicht erst in 5 Jahren, wenn die vermeintlich richtige Strategie ausdiskutiert wurde, wie man die Politiker dazu bewegt, die Steuergelder anders zu verteilen! Deswegen müssen wir direkt intervenieren und Aktionen machen, die einerseits den Betroffenen weiterhelfen und andererseits den Skandal der Armut und Kinderarmut in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken. So können wir versuchen, ausreichend Druck auf die Politik auszuüben, damit diese endlich etwas menschlicher handelt.
Wollt ihr wirklich weiterhin in einer Gesellschaft leben, die Kinderarmut ignoriert, die akzeptiert, dass in unserer Mitte Kleinkinder mangelernährt sind, die bereit ist, Milliarden für Banken und weltweite Kriegseinsätze der Bundeswehr zu zahlen, aber für die ausreichende Ernährung, Erziehung und Bildung von Kindern und Schüler_innen kein Geld ausgeben will?
Ich will das nicht, und deswegen will ich diese Gesellschaft verändern. Ihr alle könnt dabei mitmachen. Wenn wir den Kindern von Heute helfen, wenn wir den Schwächsten dieser Gesellschaft beistehen, wenn wir alleinerziehende Eltern und Familien ermutigen, sich zu organisieren, sich untereinander zu helfen und sich zu wehren, wenn wir das alles tun, dann können wir alle einen großen oder kleinen Beitrag dazu leisten, eine bessere Welt für morgen aufzubauen.
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